2. August 2026
Kritik von Politiker*innen, Lob von Queers - Was soll ein CSD eigentlich sein?
von Ian Marx
Kritik von Politiker*innen, Lob von Queers – Was soll ein CSD eigentlich sein?
Zur Kritik der CDU
Bereits am Tag des ersten Christopher Street Days in Lünen wurde uns über Dritte mitgeteilt, dass die CDU eine Klage gegen unsere Veranstaltung prüfen wolle. Als Begründung wurden drei Punkte genannt: eine Fahne im Stil der Antifaschistischen Aktion, eine ACAB-Fahne (All Cats are Beautiful) sowie ein Lied, in dem es heißt, man gebe seine Stimme „liebend gerne dem CSD, aber niemals der CDU“.
Bis heute wurde uns diese Kritik jedoch nie persönlich mitgeteilt. Stattdessen erfuhren wir sie ausschließlich über Dritte. Auch die Behauptung, wir hätten der CDU keinen Stand auf unserem CSD angeboten, wurde nie direkt an uns herangetragen. Nach unserer Auffassung entspricht diese Darstellung nicht den Tatsachen.
Zwei der drei Kritikpunkte wurden anschließend öffentlich über die Presse verbreitet. Die angekündigte Klage blieb hingegen bis heute aus.
Besonders irritiert uns die Kritik an einem Lied, das seit 2015 auf zahlreichen Christopher Street Days gespielt wird und unter anderem als Hymne des CSD Ulm/Neu-Ulm gilt. Der Liedtext bezieht sich auf die damalige Ablehnung der Ehe für alle durch die CDU. Politische Kritik an Parteien gehört seit Jahrzehnten zum Christopher Street Day, sie sollte jedoch sachlich bleiben. Wir sind hier ja schließlich anders als der Kanzler nicht im Zirkuszelt.
Wir empfehlen der CDU Lünen, Christopher Street Days nicht anhand einzelner Fernsehbeiträge zu bewerten, sondern CSDs zu besuchen und mit queeren Menschen ins Gespräch zu kommen. Wer die Geschichte des CSD kennt, weiß, dass politische Forderungen, gesellschaftliche Kritik und Kritik an Parteien schon immer Teil dieser Bewegung waren. Aus unserer Sicht wird hier ein Skandal konstruiert, wo keiner ist.
Ebenso weisen wir den Vorwurf zurück, wir hätten gegen unsere eigenen Vorgaben verstoßen. Bereits im Vorfeld haben wir gegenüber den Ruhr Nachrichten erklärt, dass antifaschistische Fahnen aus unserer Sicht grundsätzlich zu einem CSD gehören. Gleichzeitig habe ich angekündigt, selbst keine entsprechende Fahne zu tragen und genau daran habe ich mich gehalten.
Zur Kritik der SPD
Auch die Kritik der SPD an der All Cats are Beautiful (ACAB) Fahne nehmen wir zur Kenntnis.
Nach unserem Eindruck wurden dabei jedoch weder die Entstehungsgeschichte noch das politische Selbstverständnis des Christopher Street Days ausreichend berücksichtigt. Der CSD entstand aus den Stonewall-Aufständen, Protesten gegen Polizeigewalt, staatliche Repression und die systematische Diskriminierung queerer Menschen. Er war nie lediglich ein Straßenfest, sondern immer auch eine politische Demonstration.
Den Wunsch nach einer stärkeren politischen Einordnung nehmen wir gerne auf. Für den kommenden CSD werden wir unsere politischen Forderungen und deren historische Einordnung noch deutlicher herausarbeiten. Dabei freuen wir uns auf die Zusammenarbeit mit der SPD, die mittlerweile an der Planung des nächsten CSD beteiligt ist.
Antifaschismus gehört zum CSD
Mit Nachdruck weisen wir außerdem die pauschale Verunglimpfung von Antifaschist*innen als gewaltbereite Radikale zurück. Anlass hierfür waren Äußerungen des CDU-Fraktionsvorsitzenden Herrn Tölle unter einem Facebook-Beitrag von BSW-Ratsmitglied Thorsten Kasubke.
Auf unserem CSD hat niemand Steine geworfen. Alle Mitglieder unseres Organisationsteams verstehen sich jedoch ausdrücklich als Antifaschist*innen.
Für queere Menschen ist Antifaschismus keine beliebige politische Haltung. Queere Menschen wurden im Nationalsozialismus verfolgt, entrechtet und ermordet. Auch heute gehören sie weltweit zu den Feindbildern rechtsextremer und faschistischer Bewegungen. Antifaschismus ist deshalb für queere Menschen keine Randposition, sondern eine Konsequenz aus der eigenen Geschichte und Gegenwart.
Queers sehen dies anders
Nach dem Ende des Demonstrationszuges und in den darauffolgenden Tagen haben uns zahlreiche Teilnehmende persönlich angesprochen und uns Feedback sowie Verbesserungsvorschläge gegeben.
Bemerkenswert ist dabei vor allem eines: Kein einziges Gespräch drehte sich um Beschwerden über Liedtexte oder Symboliken. Im Gegenteil, viele Teilnehmende wünschten sich künftig noch deutlich politischere Reden, klarere Forderungen, politischere Lieder, mehr Parolen und sogar einen längeren Demonstrationszug.
Für uns zeigt sich darin ein deutlicher Gegensatz zwischen dem Bild, das Teile der Politik von einem Christopher Street Day haben, und dem, was ein CSD für viele queere Menschen tatsächlich bedeutet. Während manche politische Akteur*innen einen möglichst unpolitischen CSD erwarten, wünschen sich viele queere Menschen genau das Gegenteil: einen CSD, der seine Geschichte kennt, Missstände benennt und politische Forderungen klar formuliert. Genau das war ein Christopher Street Day schon immer.
Ausblick
Auch der nächste Christopher Street Day in Lünen wird ein politischer CSD sein.
Für das kommende Jahr werden wir den Lautsprecherwagen gestalterisch anders umsetzen. An unserer grundsätzlichen Haltung ändert das jedoch nichts.
Als Veranstalter halte ich daran fest, dass Antifaschismus untrennbar zum Christopher Street Day gehört. Ebenso gehört aus unserer Sicht die Debatte über Polizeigewalt und Kritik an polizeilichem Handeln auf einen CSD. Der Christopher Street Day entstand aus den Stonewall-Aufständen gegen Polizeigewalt. Diese Geschichte endet nicht dort, sondern verpflichtet uns bis heute dazu, über staatliche Gewalt, Diskriminierung und den Schutz queerer Menschen zu sprechen.
Deshalb gehören für uns auch Positionen und Symbole, die diese Kritik ausdrücken, wie die ACAB (All Cats are Beautiful) Fahne, zur politischen Debatte eines Christopher Street Days. Man muss diese Position nicht teilen. Sie pauschal von einem CSD ausschließen zu wollen, widerspricht aus unserer Sicht jedoch seiner Geschichte und seinem politischen Selbstverständnis. Ein CSD soll Debatten ermöglichen und nicht unpolitisch gemacht werden.
Selbstverständlich bleiben wir mit allen demokratischen Parteien gesprächsbereit und werden auch die CDU erneut zum nächsten Christopher Street Day einladen. Ob sie diese Einladung annimmt, liegt allein bei ihr.
Unser Ziel bleibt unverändert: ein Christopher Street Day, der sichtbar macht, wofür die queere Bewegung seit Jahrzehnten kämpft, für gleiche Rechte, gesellschaftliche Akzeptanz, den Schutz vor Diskriminierung und den Mut, politische Missstände offen anzusprechen.